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MB-Reha - Das Info-Portal der Bundesarbeitsgemeinschaft medizinisch-beruflicher Rehabilitationszentren

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Medizinisch-berufliche Rehabilitation in Deutschland

Benjamin Ersching und Ausbilder Jens Völling
Benjamin Ersching rechts bei der praktischen Ausbildung. Im Hintergrund Technischer Zeichner-Ausbilder Jens Völling

Fallstudie Benjamin Ersching, Juniorchef einer Parkettverlegungsfirma: “Es waren harte fünf Jahre, vom Unfall bis zur Einstellung als Grafiker.

Benjamin Ersching, Juniorchef einer Parkettverlegungsfirma, erinnert sich: “Es ist fast fünf Jahre her. Ich war am 01.06.2002 unterwegs zum Geburtstag meines Onkels, da hat mir ein Auto die Vorfahrt genommen, es hat fürchterlich gekracht.”

Noch heute weiß der Fünfundzwanzigjährige nichts über den Hergang des Unfalls; das Angebot, sich mit Hilfe eines Psychologen zu erinnern, hat er abgelehnt.

Im Universitätsklinikum

wurde neben offenen Brüchen an den Beinen und Armen auch ein Bruch des siebten Halswirbels diagnostiziert. “Zwei Arterien und der Hauptnerv, der den rechten Arm steuert, waren abgerissen, außerdem erlitt ich ein Schädelhirntrauma 2. Grades”, beschreibt Benjamin Ersching seinen damaligen Zustand. Er wurde in ein künstliches Koma versetzt. Als er nach drei Wochen Intensivstation wieder aufwachte, fehlte ihm der linke Arm. Eine Blutvergiftung hatte zur Amputation geführt. Nach weiteren sieben Tagen intensiver Akutmedizin wechselte er für die kommenden acht Wochen auf die Normalstation. Krankengymnasten und Ergotherapeuten begannen sehr behutsam, verloren gegangene Fähigkeiten mit ihm zu trainieren. Alltagstätigkeiten wie das Aufschneiden eines Brötchens mit nur einer Hand, Benjamin Ersching war Linkshänder gewesen, gelangen erst nach mehreren Wochen, das Gehen ohne Gehhilfen funktionierte gar nicht, da die ausgeprägte Fußheberschwäche nicht auf das elektrotherapeutische Training reagierte.

Da die akutmedizinischen Maßnahmen

nach acht Wochen im Großen und Ganzen abgeschlossen waren, wurde Benjamin Ersching aufgrund der weiter bestehenden Schwere und Komplexität seiner Beeinträchtigungen in ein benachbartes medizinisch-berufliches Rehabilitationszentrum verlegt. Hier wartete ein Rehabilitationsteam verschiedener Spezialisten auf Benjamin Ersching, das sich von nun an täglich intensiv um ihn kümmerte. In Abstimmung mit ihm wurde eine Vielzahl diagnostischer und therapeutischer Leistungen vereinbart, die während der nächsten zehn Wochen in Abhängigkeit seines Gesundungsprozesses immer wieder verändert bzw. optimiert wurden. Zunächst standen das Training alltäglicher Tätigkeiten und die Stabilisierung seiner physischen Belastbarkeit im Vordergrund. Die Ergotherapeuten konzentrierten sich darauf, seine rechte Hand zur Gebrauchshand zu entwickeln, in der Krankengymnastik wurde mit speziellen Mitteln die Fußheberschwäche kompensiert und in der Physiotherapie ein intensiver Muskelaufbau betrieben. Benjamin Ersching konnte schon nach zwölf Wochen wieder ohne Gehhilfen gehen.

Zum ersten Mal wurde er hier nun auch neuropsychologisch betreut

Er hatte sein Unfalltrauma noch längst nicht verarbeitet. Gegenüber Mitpatienten reagierte er oft ungewöhnlich gereizt und traf selten den richtigen Ton. Insgesamt fühlte er sich schon nach 2-3 Stunden völlig erschöpft und litt unter starken Kopfschmerzen. Er bemerkte zunehmend Wortfindungsstörungen und hatte erhebliche Probleme, neues Wissen aufzunehmen. Schlaflose Nächte, in denen er sich immer wieder fragte, wie sein Leben weitergehen könnte, wechselten mit Phasen tiefster Depression. Intensive psychologische Beratung und das auf ihn abgestimmte Training kognitiver Leistungsfähigkeit halfen ihm, psychische Belastungssituationen kompensieren bzw. steuern zu können. Eine Hypnosetherapie versetzte ihn in die Lage, den, wie er beschreibt, “Krankenhauskoller” auszuhalten: “Ich bin im Krankenhaus fast wahnsinnig geworden. Klar, man will ja raus, nach Hause!

Als Benjamin Ersching wieder einigermaßen hergestellt war,

begann er in der Berufstherapie des Rehabilitationszentrums seine berufliche Rückkehr zu trainieren. In der kaufmännischen Übungsfirma sowie im Zeichnerbüro führte er berufliche Tätigkeiten aus, die er, soweit es sein Gesundheitszustand zuließ, halbwegs zufriedenstellend ausführen konnte. Er bearbeitete zunächst für max. zwei Stunden einfache kaufmännische sowie zeichnerische Aufgaben am PC. U. a. wurde seine rechte Hand als Tastaturhand trainiert, er lernte, wie Geschäftsbriefe geschrieben und einfache Kalkulationen durchgeführt wurden. Die Arbeitszeiten wurden innerhalb von vier Wochen bis auf sechs Stunden gesteigert. Während dieser Zeit nahm er auch an einer sog. Berufsfindungsmaßnahme teil. In dieser wurden unterschiedliche Tests durchgeführt mit dem Ziel, Berufsvorschläge zu erarbeiten, die für ihn geeignet sind, indem sie seine behinderungsbedingten Einschränkungen berücksichtigen. Im Abschlussgutachten wurde betont, dass Benjamin Ersching über ein herausragendes räumliches Vorstellungsvermögen verfügt; der Beruf des Technischen Zeichners (Maschinenbau) wurde empfohlen. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass sein schulisches Wissen nicht ausreicht, um sofort eine Umschulung zum Technischen Zeichner zu beginnen.
Aufgrund der Ergebnisse entschied sich Benjamin Ersching für den Umschulungsvorschlag; während der Ausbildung zum Parkettleger hatte er sich bereits in der Berufschule für das Technische Zeichnen interessiert.

Da er weiterhin krankengymnastisch und physiotherapeutisch behandelt werden musste, verblieb er im Rehabilitationszentrum und besuchte dort zunächst den Vorbereitungslehrgang. In drei Monaten wurden seine schulischen Leistungen soweit gefördert, dass er anschließend nahtlos in einem Berufsförderungswerk die Umschulung zum Technischen Zeichner beginnen konnte. Obwohl Benjamin Ersching ausschließlich mit der rechten Hand arbeiten kann, schloss er seine Umschulung so erfolgreich ab, dass er sofort bei einer Firma für Luftfahrttechnik in Kassel als Grafiker einen dauerhaften Arbeitsplatz fand.

Benjamin Ersching: “Es waren harte fünf Jahre, vom Unfall bis zur Einstellung als Grafiker, ich wollte immer wieder mal aufgeben. Ohne die Spezialisten, ohne die Allroundversorgung im medizinisch-beruflichen Rehabilitationszentrum hätte ich das nie geschafft!

Kontakt

Dr. med. Josef Lecheler
Ärztlicher Direktor, CJD Asthmazentrum für Kinder und Jugendliche Berchtesgaden
Buchenhöhe 46
83471 Berchtesgaden

Tel.: 08652 6000 111
e-Mail: Dr.Lecheler@asthmazentrum.com
Bundesarbeitsministerium für Arbeit und Soziales
Medizinisch-berufliche Rehabilitation – Einrichtungen in Deutschland. Bonn 2006
Bernd Schmiedel
Klinik und Rehabilitationszentrum Lippoldsberg gGmbH
37194 Wahlsburg
05572/41-760/759

e-Mail: schmiedel@bfw.klinik-lippoldsberg
Internet: www.bfw.klinik-lippoldsberg.de

Der Autor arbeitet seit 1987 u. a. als Berufstherapeut in verschiedenen Funktionen und als Leiter des medizinisch-beruflichen RehaAssessments im Rehabilitationszentrum Lippoldsberg. Diese Einrichtung gehörte zu den Modelleinrichtungen der sog. Phase II (medizinisch-berufliche Rehabilitationseinrichtungen). Er gehört ab März 2007 dem Bundesvorstand der mbReha an.

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