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MB-Reha - Das Info-Portal der Bundesarbeitsgemeinschaft medizinisch-beruflicher Rehabilitationszentren

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Erfolgreiche Teilhabe hat viele Väter!

Christoph Goletz
Christoph Goletz

NRZ Vallendar verhilft Christoph Goletz zu einem neuen Arbeitsleben

Erfolgreiche Teilhabe hat viele Väter

Mit 23 Jahren beginnt Christoph Goletz einen neuen Lebensabschnitt. Es ist sein vierter. Ein schwerer Verkehrsunfall vor drei Jahren stellte fast alle Entwicklungsuhren bei dem jungen Mann auf Null. Nach erfolgreicher Therapie will er wieder durchstarten beim alten Arbeitgeber, der Firma Afflerbach Bödenpresserei in Puderbach. Sein Schicksal steht für die politische Forderung nach Teilhabe behinderter Menschen am allgemeinen Arbeitsmarkt – und für langes zähes Ringen vieler Beteiligter darum.

In einer Wind geschützten Ecke des schmucklosen Firmengebäudes zieht sich der blonde junge Mann schnell noch eine Zigarette rein. Es ist kalt und regnerisch und Christoph Goletz viel zu früh zur Verabredung. Doch an diesem Novembertag, es ist sein 23. Geburtstag, sollen die letzten Weichen gestellt werden für seine künftige Arbeit im Betrieb. Endlich. Seit Wochen schon hat er immer wieder mal vorbeigeschaut, mit alten Kollegen geschwatzt, von der Zukunft in tristen Werkhallen geträumt. “Ich kann es kaum erwarten, dass es losgeht”, sagt der 23-Jährige und blickt selbstbewusst. Nur raus aus der Klinik. “Da hinten sehen Sie noch das Dach des Hauses, in dem ich jetzt wohne”, und er deutet quer über den kleinen Bahnhof auf die erste Häuserreihe dahinter.

Christoph Goletz ist seiner Heimatstadt Puderbach treu geblieben. Die 2270 Einwohner zählende Gemeine liegt im Kreis Neuwied (Rheinland-Pfalz). Hauptarbeitgeber ist das Familienunternehmen Afflerbach Bödenpresserei mit seinen 245 festen Mitarbeitern und 65 Zeitarbeitern (Jahresumsatz: rund 50 Millionen Euro). Halbkugeln aus Metall und in allen Größen stapeln sich unter freiem Himmel auf dem Firmengelände. Im ersten Stock des Bürogebäudes sitzen sich an diesem denkwürdigen Tag die Verantwortlichen gegenüber, denen das Schicksal von Christoph Goletz nicht einerlei ist, und verabreden den Terminplan. Ziel: Im März oder April 2008 nimmt der 23-Jährige seine Arbeit auf als Teilezurichter in der Mess- und Sichtkontrolle.

Bis dahin sollten alle erforderlichen Gerätschaften zur Herrichtung des Arbeitsplatzes installiert sein. Kostenpunkt: rund 104.000 Euro. Es handelt sich dabei um die modernsten Techniken fürs Heben und lasergesteuerte Messen. Ohne deren Hilfe wäre Christoph Goletz nicht integrierbar, denn seit dem Unfall ist er behindert, kann den rechten Arm nicht mehr einsetzen und der erlernte Beruf als Werkzeugmechaniker ist ihm verwehrt.

“Es war ein Muss: Wir lassen Herrn Goletz nicht hängen”, sagt Simon Gerhard Zantop, Prokurist bei Afflerbach. Die Firma hatte den jungen Mann seinerzeit schon ausgebildet. “Was nicht immer ideal verlaufen war”, erinnert sich Betriebsleiter Gunther Ramseger. Doch als sie jetzt vom Schicksalsschlag hörten und gefragt wurden, da dachten sie sich: “Probieren wir es noch mal”, so Ramseger. Das Familienunternehmen hat durchweg gute Erfahrung gemacht mit der Beschäftigung behinderter Menschen. Und es fühlt sich der Region und den Menschen verpflichtet.

Für Lothar Lehmler ist das ein Glücksfall. Dem Leitenden Berufspädagogen im Neurologischen Rehazentrum für Jugendliche in Vallendar kommt in dieser Erfolgsgeschichte die Schlüsselfunktion. Ohne dessen Zutun wäre Christoph Goletz vermutlich nur der Gang in eine Werkstatt für Behinderte übrig geblieben.

An seinen Unfall vor drei Jahren hat der 23-Jährige nur vage Erinnerungen. Er war im Oktober 2005 mit dem Motorrad unterwegs gewesen, als ihn ein Auto rammte. Die Diagnose im Bundeswehr-Zentralkrankenhaus in Koblenz: schweres Politrauma mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma. Im Dezember begannen sein Aufenthalt in der Frühreha der Neurologischen Klinik Vallendar und damit der Kampf zurück ins Leben.

Die Berichte der neurologischen Experten, der Ärzte und Therapeuten füllen einen dicken Aktenordner. Sie zeugen von den Fortschritten, aber auch von den physischen und psychischen Rückschlägen im Genesungsprozess. Christoph Goletz musste wieder sitzen, stehen und gehen lernen. Das Sprechen trainieren, ebenso die Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung. Dann der Schock, dass Defizite bleiben werden, dass er nur noch mit einer Hand würde arbeiten können. Im Frühjahr 2006 wechselte der Puderbacher ins Rehazentrum für Jugendliche unter die Fittiche eines erfahrenen Rehateams.

Die Arbeitstherapiemaßnahmen begannen. Individuell an den Patienten angepasst. “Christoph hatte viel im Metallbereich gearbeitet. Ihn umzuschulen zum Beispiel auf Computerarbeit konnte kaum gelingen, weil auch Christoph letztlich nicht dahinter stand”, sagt Lothar Lehmler. In Vallendar ermöglicht es eine ganze Palette von Berufen den Rehabilitanden ihre Fähigkeiten zu testen und ihre Stärken zu entwickeln.

Im Verlauf der Therapie besuchte Lehmler die Firma Afflerbach (“Ich versuche es immer zuerst beim alten Arbeitgeber”), sprach mit der Geschäftsführung, freute sich über die dort vorgefundene Bereitschaft und gemeinsam überlegte man das mögliche Einsatzgebiet für Goletz. Es folgten weitere Besuche in Puderbach, viele Gespräche, auch mit der Agentur für Arbeit, der Deutschen Rentenversicherung und der ReIntra sowie eine intensive Suche nach einer Ausstattung, die das eingeschränkte Leistungsvermögen des jungen Mannes ausgleicht. In den Niederlanden und in St. Augustin bei Bonn wurde Lehmler fündig. Zu den teuren Komponenten gehören ein Vakuumheber, ein elektronischer Messarm und ein Scherenhubtisch in einem vom Rentenversicherer bewilligten Kostenrahmen von 103.791 Euro. Vor Ort – bei BPL Solutions in Ergohandling, Haelen/Niederlande, und ZETT MESS Technik GmbH, St. Augustin – informierte sich die kleine Delegation aus dem Raum Neuwied über Gerätschaft und Praktikabilität. Und sie war fasziniert.

Wieder zurück wurden mit Afflerbach noch offene Fragen geklärt – auch die über den finanziellen Ausgleich für die verminderte Leistungsfähigkeit des Puderbachers. Seit die Geräte zu Testzwecken in Vallendar standen, ist Christoph Goletz kaum noch zu halten. Als Praktikant kann er sich jetzt schon mal vor Ort “warm” arbeiten, denn seit Ende 2007 ist die Rehamaßnahme in Vallendar offiziell abgeschlossen.

Der zunächst auf ein Jahr befristete Arbeitsvertrag macht aus Christoph Goletz wieder ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft. Eine Erfolgsgeschichte. Der Mann aus Puderbach steht mit seinem Schicksal allerdings nicht alleine. Von den rund vier Millionen Behinderten in Deutschland zählen nur knapp zwei Millionen zu den Erwerbspersonen. Mit zunehmendem Alter sinkt diese Quote noch. Für Unternehmen gelten der besondere Kündigungsschutz und die Arbeitsanforderungen wesentliche Beschäftigungshemmnisse gegen eine Einstellung von Schwerbehinderten.

Stichwort: Teilhabe behinderter Menschen

Bei dem Begriff der Teilhabe handelt es sich um eine, durch das SGB IX geschaffene Bezeichnung, die den im Schwerbehindertengesetz verwendeten Begriff der Eingliederung abgelöst hat. Nach § 1 SGB IX erhalten behinderte oder von Behinderung bedrohte Menschen Leistungen nach dem SGB IX und den für die Rehabilitationsträger geltenden Vorschriften. Ziel ist es, ihre Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu fördern und Benachteiligungen zu vermeiden.

Die Förderung der Selbstbestimmung durch die zu erbringenden Leistungen soll dazu beitragen, dass die betroffenen Menschen nicht als Adressat oder Objekt öffentlicher Versorgung und Fürsorge verstanden werden. Nach der politischen Zielsetzung des Gesetzes sollen vielmehr Autonomie und Selbstbestimmung als Alternative zur Fremdbestimmung dazu beitragen, dass behinderte Menschen aktiv ihre Teilhabe mitgestalten können.

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