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MB-Reha - Das Info-Portal der Bundesarbeitsgemeinschaft medizinisch-beruflicher Rehabilitationszentren

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Über den Beruf zurück ins Leben

Dr. med. J. Kiesel, 11. 6. 2008: Trotz der erschütternden Diagnose einer Encephalomyelitis disseminata wurde die Teilhabe am Beruf und am Sozialleben wieder ermöglicht.

MBR vom 11. 9. 2007 bis 31. 1. 2008 in der Bavaria Klinik Freyung.

Aktuelle Vorgeschichte:

Herr S. berichtete zur eigenen Vorgeschichte, dass er bis zum 11.04.2007 gesund und leistungsfähig gewesen sei. Er sei sehr sportlich gewesen (u. a. 1 bis 3-mal jährlich Marathonlauf). Keine familiär gehäuften Erkrankungen.

Am 11. 4. 2007 seien an seiner re. Körperseite ein Pelzigkeitsgefühl und eine Kraftminderung aufgetreten. Am 14.04.2007 kamen schlagartig schrägstehende Doppelbilder und eine ausgeprägte allgemeine Müdigkeit hinzu, worauf er am 15.04.2007 stationär im Krankenhaus Burghausen aufgenommen worden sei. Dort habe er zunächst einige Tage auf der Intensivstation verbracht, wegen Verdacht auf Schlaganfall.

Im weiteren Verlauf sei die Diagnose Multiple Sklerose gestellt, was für ihn als sportbegeisterter Mann ein erheblicher Schock gewesen sei. Durch die Cortisonbehandlung sei es zu einer Besserung der Pelzigkeit gekommen. Die Rückbildung der Doppelbilder und die Kraftminderung am re. Arm, re. Bein habe erst zu einem späteren Zeitpunkt begonnen. Die allgemeine Müdigkeit sei allerdings geblieben.

Ab dem 25.04.2007 weitere ambulante Behandlung durch Hausarzt, Augenarzt, Neurologen und Urologen wegen wiederholter Beschwerden beim Wasserlassen. Unter Medikamenteneinnahme habe sich die Blasenentleerung etwas gebessert. Während der neurologischen Rehabilitation vom 13.06.2007 bis 25.07.2007 seien die Doppelbilder fast völlig abgeklungen, Einschränkung im Bereich Konzentration, Merkfähigkeit, Gedächtnis und körperlicher Belastbarkeit seien geblieben.

Bei Aufnahme am 11. 9. 2007 in die MBR Freyung schilderte Herr S. folgende Beschwerden: Es bestehe eine allgemeine Kraftminderung, im Tagesverlauf variierende, vorzeitige Ermüdung. Wegen deutlicher Schwankungen seiner Tagesform sei häufig auch ein Mittagsschlaf notwendig. Im beruflichen Alltag sei er auch beeinträchtigt durch Verminderung hinsichtlich Stresstoleranz, Gedächtnis, Merkfähigkeit und Parallelverarbeitung. Autofahren sei ihm deshalb zu gefährlich geworden. Er leide passager auch unter „Einschlafen“ re. Hand u. re. Fuß, unter depressiven Verstimmungen, unter Wortfindungsstörungen und Unfähigkeit, seine Belastbarkeit richtig einzuschätzen.

Schulische und berufliche Vorgeschichte:

1971 – 1980
Schulbesuch, Abschluss Qualifizierender Hauptschulabschluss
18.08.80 – 23.02.84
Ausbildung zu Elektroinstallateur, Elektro Löffler, xxxx, Abschluss mit Gesellenbrief
01.04.84 – 31.03.92
Wehrdienst bei der Bundesmarine als Elektrotechniker auf Gesellenebene.
21.11.89
Ausbildung zum Taucher, bestandene Gesellenprüfung IHK Lübeck
01.03.91 - 07.06.92
Umschulung zum Berufskraftfahrer, Chiemgauer Verkehrsinstitut GmbH Grassau, Abschluss mit Gesellenbrief
15.06.92 – 24.10.94
Kraftfahrer, Georg Wörndl GmbH, xxxxf
25.10.94 – 12.11.94
arbeitslos
15.11.94 – 28.02.96
Kraftfahrer/Lagerist, Rau KG, xxxx
01.03.96 – 31.10.02
Kraftfahrer, Wörndl GmbH, xxxx
01.11.02 – 30.11.02
arbeitslos
01.12.02 – 30.04.03
Maschinenführer und Lagerarbeiter, Krema Plast GmbH, xxxxf
01.05.03 – 12.05.03
arbeitslos
13.05.03 – 31.08.06
Kraftfahrer, Georg Wörndl GmbH, xxxx
01.09.06 – 30.09.06
arbeitslos
01.10.06 – 31.07.07
Kraftfahrer, Fa. Vielmeier, xxxx, seit 4/07 arbeitsunfähig Zuletzt arbeitete der Patient seit 10/ 2006 als Fernfahrer bei der Spedition xxxxx, etwa 20 Mitarbeiter. Mit planengedeckten Sattelzügen fuhr er Stahl- und Aluminiumartikel (z. B. Schienen, Coils, Rohre) in Deutschland und im angrenzenden Ausland aus. Wöchentliche Fahrstrecke ca. 3000 bis 5000 km. Gelegentliche Be- und Entladetätigkeiten mit dem Stapler, dem Hubwagen oder dem Kran. Er war für die Ladungssicherung mittels Spanngurten und Ratschen zuständig. 8/ 2007 habe der Betrieb ihn ausgestellt, da er in diesem Beruf nicht mehr tätig sein konnte. Insgesamt sei er sehr rat- und perspektivlos bezüglich der weiteren beruflichen Entwicklung, es falle ihm schwer einzuschätzen, über welche berufsrelevanten Ressourcen er verfüge. Er könnte sich evtl. vorstellen eine Tätigkeit in seinem Ausbildungsberuf (Elektriker) in einem Industriebetrieb zu übernehmen. Außerdem kommen auch Büro- oder EDV-Tätigkeiten in Betracht. Wichtig sei, eine wohnortnahe Arbeitsstelle zu finden, da er sich längere Fahrstrecken nicht mehr zutraut.

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Aufnahmebefund:

Bei der eingehenden neurologischen Untersuchung fielen noch leicht bestehende Doppelbilder sowie eine verminderte Handkraft bds. auf. Die Kommunikationsfähigkeit war ungestört. Die psychische Befundung ergab Einschränkungen hinsichtlich Merkfähigkeit, Gedächtnis und Parallelverarbeitung. Hinweis auf passagere Verstimmungen wegen MSbedingter Funktionseinschränkungen.

Maßnahmen während der MBR:

  • Medizin: Physiotherapie, Medizinische Trainingstherapie, Ergometertraining, Sporttherapie, Vierzellenbad, medikamentöse Therapie, Logopädie. Ziel: Abklärung und Steigerung der körperlichen Belastbarkeit.
  • Neuropsychologie: kognitives Training, Einzelgespräche, Entspannungstraining. Ziel: Abklärung und Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit, psychologische Unterstützung bei der Bewältigung der momentanen Belastungssituation und bei der Entwicklung beruflicher und sozialer Perspektiven.
  • Berufspädagogik/Arbeitsmedizin: Zunächst erfolgte ein Einsatz von Herrn S. im Bereich Metall, da er anfangs ausschließliches Interesse an handwerklichen Arbeiten zeigte. Arbeitsplanung, und Arbeitsablauf waren gut. Motorische Einschränkungen machten sich jedoch bemerkbar. Sichtbare körperliche Einschränkungen waren durch eine verminderten Ausdauer und Belastbarkeit erkennbar. Werkstatt unübliche Pausen mussten dem Rehabilitanden nach mittelschweren Belastungssituationen ständig eingeräumt werden. Es wurde erkennbar, dass Herr S. für handwerkliche Berufe nicht mehr geeignet ist. Aus diesem Grund erfolgte am 24.09.2007 ein Wechsel in den Kfm. verwaltenden Bereich der MBR. Hier erledigte er PC- und büropraktische Arbeiten. Er hat mit gutem Erfolg neue PCKenntnisse in Word und Excel erworben und seine Schreibfertigkeit im 10-Fingersystem trainiert. Ein allgemeiner Büroarbeitstest am 02.10.07, ABAT-R, ein Schnelligkeitstest zur Beratung, Auswahl und Förderung von Beschäftigten oder Interessenten in Büroberufen zeigt eine durchschnittliche Eignung. Herr S. ist sehr leistungsorientiert, pünktlich und zuverlässig. Er arbeitet sehr motiviert und engagiert mit und liefert gute Ergebnisse.

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Ergebinsse:

Im Rahmen der medizinischen, neuropsychologischen und berufspädagogischen Betreuung konnte Herr S. seine berufsrelevante Leistungsfähigkeit bis zur Vollschichtigkeit stabilisieren. Gemeinsam mit Herrn S. wurden nach Arbeitsmöglichkeiten in der Region unter Zugrundelegung seines bisherigen beruflichen Werdegangs, seiner derzeitigen Leistungsfähigkeit und des möglichen Verlaufs der Erkrankung gesucht. Herr S. bewarb sich bei der Firma xxx. Dort werden Stellwagen für medizinische Geräte verkabelt, montiert (keine Fertigung) und abschließend einer eingehenden mechanischen und elektrischen Funktionsprüfung unterzogen, für die ein Elektriker mit PC-Kenntnissen gesucht wurde. Es erfolgten im Rahmen der MBR mehrere Betriebsbegehungen zur Eingrenzung der Einsatzmöglichkeiten von Herrn S. Mit Zustimmung des Arbeitsmediziners wurde vom 03.12.07 bis 25.01.08 eine externe Belastungserprobung von zuhause aus durchgeführt und berufspädagogisch und medizinisch begleitet. Die Praktikumsstelle kann wie folgt gekennzeichnet werden:

Arbeitszeit: 38,5h; 5-Tage-Woche; Betriebsübliche Arbeitszeiten: 40 h/ Woche
Tätigkeit: Zuleitungen für Trafos und Steckdosen ablängen und anschließen, Trafos verdrahten, Beipackmaterial zusammenstellen und Verpackungsarbeiten durchführen, Vormontagen an den Geräteträgern (Tastaturauszüge, Schubladen) durchführen, elektrische Prüfungen, Isolations-, Hoch- und Widerstandsmessungen an Geräteträgern durchführen. Fehlerfeststellungen an Kundenreklamationen durchführen. PC-gestützte Dokumentation der Ergebnisse.
Arbeitshaltung: Überwiegend sitzende Tätigkeit bei elektrischen Prüfarbeiten, gelegentlich stehend, gehend bei Monatage- und Verpackungs- und Kommissionierarbeiten
Arbeitsschwere: körperlich leicht bei Prüf- und Monatagearbeiten, gelegentlich mittelschwer bei Verpackungs- und Kommissionierarbeiten
Fachwissen: Der Prüfarbeitsplatz setzt fachspezifische Kenntnisse aus dem Elektrobereich voraus. Um eigenverantwortlich Prüfarbeiten durchführen zu können ist eine fachliche Weiterqualifizierung notwendig.
Mobilität: Herr S. ist auf Mitfahrgelegenheiten von Kollegen aus der Nachbarschaft oder auf familiäre Unterstützung angewiesen, da er selbst aufgrund der Erkrankung nicht in der Lage ist ein Fahrzeug zu führen. Im Praktikumsbetrieb hat sich Herr S. gut integriert und wettbewerbsfähige Leistungen gezeigt. Zusammenarbeit, Auffassungsgabe, Fachwissen, Arbeitstempo und Leistungsniveau wurden mit befriedigend bewertet. Hinsichtlich Ordnung und Pünktlichkeit am Arbeitsplatz, Zuverlässigkeit und Pflichtgefühl bei der Ausführung der gestellten Aufgaben, Lern- und Arbeitsbereitschaft, Konzentration und Ausdauer und die Fähigkeit sich einer Aufgaben über die erforderliche Zeitspanne intensiv zuzuwenden, inklusive Arbeitsgüte, wurden mit gut bewertet. Der Betrieb hat Interesse signalisiert, Herrn S. ab dem 1. 2. 2008 weiter zu beschäftigen.

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Fazit:

Aufgrund der bei Herrn S. vorliegenden Encephalomyelitis disseminata war die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als LKW-Fahrer ebenso nicht mehr möglich wie eine von Herrn S. zunächst favorisierte handwerkliche Arbeit. Weitere Einschränkungen für die berufliche Wiedereingliederung ergaben sich aus der eingeschränkten Fahreignung.

Herr S. trat die MBR ohne jegliche Vorstellung bezüglich seines beruflichen Leistungsvermögens und ohne Perspektive bezüglich konkreter Einsatzmöglichkeiten – auch unter Zugrundelegung des möglichen Verlaufs der Encephalomyelitis disseminata – an. Im Rahmen der MBR-Maßnahme wurde eine medizinische und psychologische Stabilisierung erreicht, außerdem gelang es Herrn S. für alternative, leistungsgerechte Berufsfelder zu motivieren und den Leistungsträger in die konkrete berufliche Eingliederung zu involvieren.

Zwar hat er bis 1984 eine Ausbildung zum Elektriker absolviert, diesen Berufszweig jedoch dann nicht weiter verfolgt und auch jetzt in Zusammenhang mit der Erkrankung zunächst nicht ernsthaft in seine Überlegungen einbezogen, da er die Ansicht vertrat, dass er hier nicht mehr über einen geforderten Wissenstand verfügte. Im Rahmen des Arbeitstrainings während der MBR und unterstützt durch mehrere Betriebsbegehungen bei einem Praktikumsgeber in der Region, bei dem ein Elektriker gesucht wurde, mit exakter Konkretisierung des Tätigkeitsfeldes von Herrn S. sowie des zuletzt noch im Rahmen der MBR mehrwöchig durchgeführten Praktikums bei diesem Betrieb, gelang es unter berufspädagogischer und arbeitsmedizinischer Supervision ihn davon zu überzeugen, dass diese leidensgerechte Tätigkeit auch unter Berücksichtigung des möglichen Verlaufs der Encephalomyelitis disseminata eine reale berufliche Perspektive für ihn darstellt.

Im Rahmen der MBR wurde u. a. auch die Indikation für Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben bejaht. In diesem Zusammenhang wurde durch den Rentenversicherungsträger eine Qualifizierung von Herrn S. an der TÜV-Akademie München im Fach „Elektrotechnik in der Medizintechnik“ unterstützt, so dass Herr S. auch die Möglichkeit hatte, aktuell spezifisches berufliches Wissen zu erwerben, was ebenfalls die dauerhafte Integration in den Betrieb förderte.

Bei der bisher letzten Rückmeldung im April 2008 schilderte Herr S., dass er seit dem 13. 2. 2008 einen Arbeitsvertrag bei dem Praktikumsgeber erlangt und dort seine Arbeit aufgenommen hat. Gelegentlich könne er sogar mit dem Fahrrad zu Arbeit fahren…

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